Goldschmiede von Frankfurt

Ausgewählte Werke

Einleitung

 

In der einzigen, bisher dem Autor bekannten kurzen Darstellung der Geschichte und künstlerischen Würdigung der Goldschmiede von Frankfurt am Main weist die Autorin mit Recht auf die auffällige Diskrepanz zwischen der Bedeutung der Freien Reichsstadt als Jahrhunderte langer Wahl- und Krönungsort der deutschen Kaiser und wichtigstem Messe- und Handelsort in zentraler Lage des Reiches hin und der Tatsache, dass Frankfurt trotzdem als Zentrum der Goldschmiedekunst seltsam blass und unbeachtet blieb.1

Zweifellos hatten die gleichen Faktoren, die der Stadt Einfluss und großen Reichtum gebracht hatten, negative Auswirkungen auf das Kunsthandwerk der Goldschmiede Frankfurts. Denn auf die zweimal im Jahr stattfindenden Messen brachten Händler aus den führenden großen Silberzentren des Reiches trotz der immer unsicheren Transportwege die silbervergoldeten Spitzenprodukte ihrer Werkstätten hier zum Verkauf mit. Und diese ließen Adel und wohlhabendes Patriziat durch dafür beauftragte Händler kaufen, wie ein prägnantes Beispiel zeigen soll. Landgraf Moritz der Gelehrte (1592-1627) von Hessen-Kassel ließ für die Erweiterung seines Büffetsilbers und der Schätze seiner Kunstkammer in den Jahren 1609-1614 durch den Kasseler Goldschmied Jacob Staub(e) große Mengen an Ketten und Ringen, Trinktieren (z. B. Elefanten, Kamele), Scherzgefäße, Lavabo-Garnituren und Doppelbecher von der Frankfurter Messe einkaufen.2 Und Bauer konstatierte , dass deshalb bis ins 16. Jahrhundert deutlich weniger Gold- und Silberschmiede in Frankfurt tätig waren als in vergleichbar gleich großen Silberzentren wie Nürnberg etc. 3

Obwohl mit Scheffler ein weitgehend vollständiges Verzeichnis der Viten der Frankfurter Gold- und Silberschmiede und ihrer Arbeiten seit 1976 dafür alle Voraussetzungen vorhanden sind (Scheffler, Hessen 1976), gibt es bis heute weder eine umfassende Geschichte der Goldschmiedekunst der Stadt, noch eine künstlerische Würdigung der Arbeiten ihrer Goldschmiede.

Neben den oben genannten spielen dafür weitere Gründe eine Rolle. Es scheint, im Gegensatz zu anderen Städten mit bedeutenden Goldschmiedewerkstätten über Jahrhunderte in Frankfurt a. M. so gut wie keine privaten Sammler gegeben zu haben, spezialisiert auf die Werke ihrer (Heimat-)Stadt. Bei Scheffler wird einzig ein Sammler A. aus Frankfurt genannt, der sich aber nur – mit wenigen Ausnahmen, z. B. Abb. 363a, Zuckerdose um 1710 - für das klassizistische Silber der Wende zum 19. Jahrhundert und seiner ersten Jahrzehnte interessiert zu haben scheint.4 Und in Jüngster Zeit J.H. H, Hanau, mit Sammelschwerpunkt zweite Hälfte 18. und erste Hälfte 19. Jahrhundert.5

Das Frankfurter Museum Angewandte Kunst, gegründet 1878, verfügt über einen bedeutsamen Bestand auch hochkarätigen Silbers, wie der Bestandskatalog von 1992 beweist (Frankfurt a. M. 1992). Doch liegt der Schwerpunkt der Sammlung nicht, wie es zu erwarten und eigentliche Aufgabe wäre, Arbeiten seiner Stadt zu zeigen. Von den 176 Nummern weisen lediglich sieben Arbeiten bis 1830 das Beschauzeichen Frankfurts auf,6 ab 1930 sind dann noch fünf Arbeiten aus Frankfurter Werkstätten aufgeführt. Und seit mehr als zehn Jahren geht das Interesse des MAK an seiner Silbersammlung gegen Null. Die Aufgabe, Werke der Goldschmiedekunst der Stadt zu zeigen, hatte längst vorher das so viel ältere Historische Museum Frankfurt übernommen. In ihrer Ausstellung „Kunst und Kultur von der Reformation bis zur Aufklärung“ im Jahre 1956 wurden auch Werke Frankfurter Goldschmiede vorgestellt und abgebildet. Seiner Aufgabe folgend wurden diese Arbeiten im Wesentlichen aber unter kulturhistorischen Aspekten abgehandelt. Einen Bestandskatalog hat das Museum bisher nicht vorgelegt, eine Ausstellung Frankfurter Goldschmiedearbeiten hat es nie gegeben.

Ein Grund, warum es bisher äußerst schwierig ist, die Geltungsdauern der Frankfurter Beschauzeichen zu ermitteln ist, dass es der Ev. Kirche von Hessen-Nassau trotz verschiedener Ansätze bisher nicht gelungen ist, eine Inventarisierung ihres beweglichen Kirchengutes vornehmen zu lassen. So findet sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in der hier vorzustellenden Aufstellung nur Kirchensilber, das Frankfurter Goldschmiede für Gemeinden der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck gestaltet haben. Da in der Regel die Stifter der vasa sacra oder der Taufgeräte mit Stiftungsdaten genannt werden, wird erst eine genauere Geltungsdauer der Beschauzeichen gelingen, wenn zentral der Zugriff auf das Kirchensilber der Ev. Kirche von Hessen-Nassau möglich ist.

Trotzdem ist über die anschließend vorgestellten Werke, orientiert an der Beschauzeichenliste Schefflers, ein erster Versuch präsentiert, wenigstens ungefähr Geltungsdauern der BZ festzulegen, was allerdings immer problematisch bleiben wird angesichts der nur gezeichneten oder durch Rußabzug gewonnenen Marken mit dadurch großem Spielraum für unterschiedliche Interpretationen. Das gilt in gleicher Weise auch für eine erste Liste mit digital gewonnenen Feingehaltszeichen.

Im Gegensatz zu allen anderen, auf dieser website vorgestellten Orten Hessens ist es bei Frankfurt nicht sinnvoll, eine von Einmalzuweisungen, Drahtziehern, Gürtlern, Münzmeistern etc. bereinigte Meisterliste Schefflers mit neuer Zählung aufzustellen. Es werden nur Meister mit ihren Viten aufgeführt werden, von denen Werke erhalten blieben, um sie möglichst mit Marken abzubilden und zu beschreiben. Wie die bisher nicht identifizierten oder bei Scheffler nicht aufgeführten Meister nummeriert werden sollen, bedarf noch einer Lösung.

Das bedeutet weiterhin, dass nicht nur die Nummerierung der BZ und FZ Schefflers bestehen bleibt. Nur die durchgehende Nummerierung der von ihm aufgeführten Objekte wurde aufgegeben. Stattdessen wird die Reihung der Arbeiten eines Meisters mit kleinen Buchstaben des Alphabets hinter der Meisternummer vorgenommen, also z. B. bei Meister 100 seine erstgenannte 100a, die folgende 100b. Trägt ein Meister, weil später erst in Schefflers Liste eingefügt, hinter seiner Nummer bereits einen Kleinbuchstaben, z. B. 100a, wird die erste Arbeit von ihm 100aa, die zweite 100ab gekennzeichnet.

 

Ausgewählte Werke der Frankfurter Goldschmiedekunst

 

Scheffler führte ab 1460-1532 mit 101 Namen alle Personen auf, ob einmal erwähnt oder in irgendeiner Weise mit dem Goldschmiedehandwerk verbunden. Die meisten aber von ihnen waren Goldschmiede, auch Goldarbeiter oder Wardeine. Bei den im Probierbuch eingetragenen Arbeiten wird deutlich, dass die Meister in der Regel die komplette Breite ihres Handwerks beherrschten. So werden repräsentative Pokale, Trinkspiele, Kunstkammerobjekte, Scherzgefäße, Kirchensilber, v. a. Monstranzen, Kelche mit Patenen und Kannen angemeldet, dann in großen Serien profanes Gebrauchssilber wie Teller, Kannen, Pokale, Becher aller Arten und Löffel. Darüber hinaus reichen sie das gesamte Sortiment der Arbeiten ein, mit dem sich später das Gürtlerhandwerk abspalten sollte: Gürtel, Schwerter, Dolche, Messer und ihre beschlagenen Scheiden und Futterale. Dazu kamen alle Pretiosen, die seit langem klassische Aufgabe der Juweliere sind: Ringe, Agraffen etc. Auf gleiche Weise führt Scheffler ab 1534 minutiös in gleicher Weise fort. Es fällt auf, dass ab Meister 55, Lorenz Hügelin, ab 1512 eine äußerst unterschiedliche, geradezu dichotome Beschaffungssituation der Goldschmiede bei den zur Prüfung eingereichten Arbeiten unübersehbar ist. Während die Mehrzahl der Meister über die Jahre zum Teil eine riesige Nachfrage bedienen dürfen, hat ein kleinerer Teil von ihnen nur wenige oder keine Produkte aus ihren Werkstätten zur Probe eingereicht, was den Verdacht zulässt, dass sie quasi als Subunternehmer für die berühmteren Kollegen tätig waren.

Drei Beispiele zwischen 1517 und 1576 sollen illustrieren, dass die von diesen Meistern zur Probe angemeldeten riesigen Zahlen an Goldschmiedearbeiten weit über den Bedarf Frankfurts und seiner Umgebung hinaus in alle Teile des Reiches exportiert sein dürften, zu dieser Zeit also die Frankfurter Goldschmiede durchaus mit den berühmtesten Silberzentren mithalten konnten. Hans I. Bruen (Braun) zum Rosen, Nr. 76 der Liste Schefflers von 1460-1532, meldete 1517-1546 ca. 320 Arbeiten zur Probe an, Henrich Ulner (Eul(n)er), Nr. 1 der Liste seit 1534 zwischen 1536 und 1563 ca. 160 und Philips Mussler (Müsler, Messler), Nr. 7, zwischen 1549 und 1576 die Zahl von fast 1000 Arbeiten in der oben genannten Zusammensetzung an. Johann Ovidius Rückinger (von Rückingen), Nr. 37 der Liste Schefflers, ist der letzte, von dem in den wenigen Jahren seiner Meisterschaft 1573 bis 1576 nennenswerte Mengen an Silberarbeiten notiert sind, mit denen die Eintragungen enden. Diese Beispiele belegen, dass Frankfurt bereits vor der Ankunft der aus den Spanischen Niederlanden (Brabant) aus Glaubensgründen vertriebenen Goldschmiede ein überregionales Silberzentrum war, dessen Bedeutung sich durch das mitgebrachte Können der reformierten Flüchtlinge dann nochmals steigern sollte.

Doch was nutzen uns für die künstlerische Bewertung Namen und die Aufzählung ihrer einstmals gefertigten Werke, wenn sich nichts davon erhalten hat, so seit Langem Prof. E.-L. Richter, der Doyen der Erforschung des deutschen historischen Silbers. Von den fast 1000 aufgeführten Arbeiten Philips Musslers haben sich nach Scheffler lediglich ein Pokal im Hessischen Landesmuseum Darmstadt und eine Denkmünze erhalten.7 So hat die minutiöse Auflistung der Arbeiten aus dem 16 und beginnenden 17. Jahrhundert Schefflers lediglich kulturhistorische Bedeutung.

Solange der Bestand der Frankfurter Goldschmiedearbeiten im Historischen Museum der Stadt nicht publiziert und zur Beurteilung eingefügt ist und das Kirchensilber der Ev. Kirche von Hessen-Nassau so wenig zugänglich bleibt, kann im wesentlichen der Autor nur den Ausführungen Margrit Bauers folgen und sie anhand der vorgestellten Werke zu modifizieren und ergänzen.

Wie in einer Reihe hessischer Städte ist auch die älteste erhaltene Goldschmiedearbeit das bedeutendste silbervergoldete Kunstwerk der Stadt. 1473 bekennt sich stolz Hans Dirnsteyn (M. ca. 1462, 1494), Schöpfer der Reliquienbüste St. Peter zu sein (Abb. 3a). Die äußerst lebensnahe Büste steht auf einem von vier Löwen getragenen Podest. Sie entstand im Auftrag des Stiftkapitels von St. Peter in Aschaffenburg als Pendant zu der bereits dort vorhandenen Büste des Hl. Alexander. Während der stilistische Einfluss der aus den Spanischen Niederlanden vertriebenen reformierten Goldschmiede auf die in Frankfurt entstandenen Arbeiten hier bisher nicht erkennbar ist, immerhin standen um 1600 den 24 einheimischen Goldschmieden 22 aus Antwerpen und sechs weitere aus anderen Brabanter Orten gegenüber,8 ist mit dem zweiten abgebildeten Kunstwerk, dem Kluftbecher des Heinrich Heidelberger (M. 1550, übersiedelt 1602 nach Mainz), um 1570-80, ein Bechertyp etabliert (Abb. 10a), der sich vor allem in leicht veränderter Form als sogenannter Stangenbecher, wieder zwischen 1700-1740 neuer Beliebtheit erfreuen wird. Der Becher auf schmalem Standring, schwach gewölbter Schulter und hohem zylindrischem Fußhals ist, kaschiert durch einen Profilwulst, mit dem gleichkalibrigen eigentlichen Gefäß verbunden, dessen Wand sich trompetenartig zum Rand erweitert. Zwischen Bandelwerk und Arabesken sind in ausgezeichneter Qualität die vier Jahreszeiten szenisch graviert. Der ihm folgenden Kluftbecher des Melchior Aschbach (M. 1561, 1582), Abb. 21a, um 1580 entstanden, zeigt die ebenfalls fein gravierten Arabesken nur auf den Oberflächen der Gefäßrandzonen und dem zylindrischen Fußhals. Und damit soll hier auf die wohl wesentlichste Qualität Frankfurter Goldschmiedearbeiten hingewiesen werden, die sie von fast allen weiteren hessischen Städten, vor allem von Kassel unterscheidet: die gekonnten Gravuren nicht nur auf diesem Bechertyp, sondern auch auf Pokalen, Faustbechern, Kelchen und jüdischen Zeremonialgeräten bis kurz vor 1800.

Während reformierte bilderfeindliches Glaubensverständnis der nach Hanau abgewanderten niederländisch stämmigen Frankfurter Goldschmiede ab 1597 dafür sorgte, dass die Gravur in der neuen Bleibe keine Rolle  spielen sollte, das Deutsch-reformierte Glaubensbekenntnis  der Landgrafen von Hessen-Kassel und der Einfluss der hugenottischen Goldschmiede auf die Kasseler Gilde zur Folge hatte, dass die Fähigkeiten zur Gravur nach 1610 im gesamten Fürstentum verloren ging, dominierte die Gravur im Lutherischen Frankfurt gleichrangig oder sogar vorrangig vor der Treibarbeit.

Von dieser Dominanz der Gravur zeugen auch die Hans Sender (M. 1569, nach 1578, vor 1587), zugeschriebenen Werke, der 1585 entstandene Windecker Ratsbecher und der um 1590 erstandene sogenannte „Goldene Kidduschbecher“ (Abb.33a und b). Im Werk des Hans Knorr (M. 1573, 1596) wechseln oder kombinieren sich Treibarbeit und Gravur bei seinem Bucheinband von ca. 1587 ab, wie auch auf seinem Pokal von 1589 und seinem Berkemeyer um 1580 (Abb. 35a-c). Zu Kidduschbecher und Bucheinband siehe ausführlich später.

Der aus Antwerpen zugezogene umfänglich ausgebildete Paulus I. Birckenholtz (M. 1591, 1634) ist wohl der bekannteste Goldschmied Frankfurts der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, weil von ihm eine Reihe von höchst repräsentativen Deckelpokalen mit politischen Botschaften erhalten sind, die er für hohe Auftraggeber angefertigt hatte. Die hier vorgestellten Exemplare, der „Darmstädter Becher“, um 1628-30, und der „Gustav Adolf Pokal“, eingekauft 1640 von Landgraf Wilhelm V., fertigte er auf gleiche Weise. Ersterer soll den dynastischen Zusammenhalt beider Territorien des Hauses Hessen betonen, weil es 1627 mitten im Dreißigjährigen Krieg zu einer wenigstens kurzfristigen Einigung der beiden verfeindeten Großcousins Landgraf Georg II. von Hessen-Darmstadt, der dazu den Auftrag gegeben hatte und Wilhelm V. von Hessen-Kassel kam (Abb. 82a). Letzterer ließ den „Gustav Adolf Pokal“ als klares Bekenntnis zum schwedischen Bündnispartner arbeiten, indem er den 1630 gefallenen König Gustav von Schweden mit dem Pokal ein Denkmal setzte (Abb. 82b).

In der Herstellung der Pokale wendete Birckenholtz eine handwerkliche Technik an, die es ihm erlaubte, relativ kostengünstig und deutlich weniger aufwendig, solche Pokale in kleinen Serien mit trotzdem hoher künstlerischer Qualität herstellen zu können. Auf relativ einfachen gewölbten Füßen folgt im ersten Fall ein Säulenschaft, auf dem dann jeweils das hohe ovoide Gefäß mit abschließendem gewölbtem Deckel aufsitzt, beim Adolfspokal hält statt eines Schaftes der steigende hessische Löwe ein Schild. Beim Darmstädter Becher dient wiederum der steigende hessische Löwe, beim Adolfspokal seine Büste als Bekrönung, bis dato klassische Goldschmiedetechniken. Den Fußrücken, das Pokalgefäß und die Deckelschulter ornamentiert der Meister nicht, wie zu dieser Zeit üblich in Treibtechnik oder Gravur, sondern bringt das, was er darstellen möchte, das politische Bildprogramm, mit gegossenen oder geprägten vergoldeten Plaketten, Medaillen, Figurenarrangements und vegetabilen Ornamenten auf die weißsilbern belassenen Gefäßoberflächen auf und erzielt damit großen Eindruck. Puristen haben diese Technik als plakativ, ja oberflächlich abgetan und ihr künstlerisches Potential abgesprochen. Und doch ist es so, dass schon immer in der Kunst, ob Malerei oder Bildhauerei oder in der Schnitzkunst alle Techniken, die Wiederholungen und damit Vereinfachungen für die Künstler zuließen (Pasticcios) zu allen Zeiten angewandt, den Kunstwerken keinen Abbruch taten.

Bei Büttenmann und -frau kommen alle Techniken der Goldschmiedekunst zur Anwendung, mit denen liebevoll bis ins kleinste Detail die Figuren, was sie anhaben, in Händen halten oder auf dem Rücken tragen, die Tiere, die sie begleiten und die Podeste, auf denen sie stehen dargestellt werden aus Freude an der fast hyperrealistischen Darstellung im Kleinen (Abb. ohne Nr., da bisher der Meister NR, der sie schuf, bisher nicht identifiziert werden konnte).

Bei der Vorstellung der Trinkgefäße fällt auf, dass aus dem 17. Jahrhundert nur ein Humpen hier besprochen werden kann. Auf breitem Standring mit gewölbter Schulter, zylindrischem Gefäßkörper, gewölbt gestuftem Scharnierdeckel mit Daumendrücker, zum Standring korrespondierend breitem überstehendem Rand und aus drei C-Schwüngen gebildetem Henkel, ist seine Oberfläche mit den getriebenen Blütenkelchen und fleischigen Blattwedeln im Augsburger Blumenbarock ornamentiert und könnte somit, um 1560-70 von dem Silberarbeiter Michael Faber (M. 1654, bis 1664 nachweisbar) gearbeitet, in jedem anderen von Augsburg beeinflussten Silberzentrum entstanden sein (Abb. 241a).

Das gilt ebenso für die im 17. Jahrhundert entstandenen Becher. Während die Schwitzbecher und die nur auf den Randzonen vergoldeten Becher in eher gestreckter Version (Dm. 4 zu 1 oder 2,5) mehr an Nürnberg orientiert sind, siehe z. B. die Abb. Nr. 221c, 224a, 238a, 280a, 305a oder 335a, haben die mit getriebenen typischen Augsburger Blumenbarock verzierten Becher mit und ohne Deckel, mit und ohne Kugelfüßchen im Durchschnitt eher ein ebenfalls für Augsburg typisches Verhältnis von Randdurchmesser zu Höhe von 1,0 zu 2,0. Siehe z. B. Abb. Nr. 196a, 221a, 224d, Becher Guillian III. von den Felden, 255a oder 329b. Doch die jeweils bedeutendsten Meister ihrer Zeit fallen durch Arbeiten in eigener origineller Gestaltung der Gefäße auf.

Hans Georg Bauch (M. 1641, 1676) gelingt z. B. mit seinem um 1650-55 gearbeiteten Becher eine witzige und vermehrt nützliche Gestaltung der Wandoberfläche seines Schwitzbechers. Indem er sie wie der Stamm eines Baumes gestaltet. Durch vertikale Ziselierung erhielt sie das Aussehen von Baumrinde, in mehreren Reihen versetzt sind Noppen getrieben, die Stümpfe abgesägter Äste nachahmen. Insgesamt wird so die Oberfläche und die Grifffestigkeit des Bechers erhöht (Abb. 221a).

Zweifellos der wichtigste Meister der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ist Johann (Hans) Jacob I. Leumann (M. 1646, 1681), nicht nur nach dem Repertoire seiner erhaltenen Arbeiten. Herausragend zeigt er sich mit seinem um 1660 gearbeiteten Akeleipokal auf der Höhe seiner Kunst. Unter musterhaftem Einsatz aller Goldschmiedetechniken entstand ein elegantes Monument eleganter Leichtigkeit, wohl von vornherein mehr ein Vitrinenobjekt als ein Gefäß für den Gebrauch (Abb. 224b). Tastevin (Abb. 224e) und Schauplatte (Abb. 224g) im Blumenbarock – Tulpen und Narzissen dürfen nie fehlen – sind gekonnt getrieben, bleiben aber ganz dem übermächtigen Augsburger Stildiktat verpflichtet.

 

Wie groß das Vertrauen war und die Könnerschaft des Meisters HL geschätzt wurde, zeigt ein bedeutender Kelch, gestiftet von den Freiherren Riedesel zu Eisenbach zu Altenburg, der wohl im 30jährigen Krieg schwer zu Schaden gekommen war, entstanden im zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts. Kurz nach Ende des Krieges hat ein Mitglied der Patronatsfamilie Riedesel Leumann beauftragt, den Kelch unter pietätvoller Verwendung erhaltener Teile des Originals wiederaufzubauen (siehe nebenstehende Abb.).9

Überregionale Bedeutung erhielt Frankfurt in den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts durch das Wirken des Goldarbeiters Peter I. de Boy(e) (M 1677, 1713 nach Düsseldorf berufen, 1727). Er arbeitete Pretiosen für mehrere Fürstenhöfe. Berühmt wurde er aber als Emailmaler auf Büffetsilber und Kunstkammerobjekten.10

Mit dem ausgehenden 17. Jahrhundert geht die gewisse Eintönigkeit zu Ende, im Wesentlichen nur erhaltene Trinkgefäße in diesem Bestand vorstellen zu können. Neben dem schon oben vorgestellten Walzenkrug (Abb. 241a) treten nun Leuchter (Abb. 238c, 325a und 348ba), Trinkschale (Abb. 246a) und Zuckerschale (Abb.246b), Löffel (Abb. 346a und 385a) und erste Salzgefäße (Abb. 355a) hinzu, letztere und das Leuchterpaar Abb. 325a von Johann David Griebel (M. 1705, 1750) in der für die Jahrhundertwende so typischen Ornamentierung durch Godronen.

Mit Beginn des 18. Jahrhunderts kommt eine Becherform in Mode, die für Frankfurt typisch zu sein scheint. Der Stangenbecher ist eine abgespeckte Version des Kluftbechers. Auch er steht auf schmalem Standring. Die gewölbte Fußschulter bleibt schmal. Er hat aber dann nur einen relativ kurzen zylindrischen Fußhals als entscheidendem Unterschied zu seinem Vorbild. Auf dem wiederum - mit einem Profilwulst kaschiert – sich die kalibergleiche Wand des Gefäßes mit trompetenförmiger Erweiterung zum Rand hin fortsetzt. als Gefäßtyp auch in Augsburg – hier oft mit Regeancedekor an Fuß und Rand – ist das Besondere für Frankfurt, dass die Wände, z. B. in Rankenwerk eingebettet, Kartuschen haben, in die häufig biblische Szenen großformatig graviert sind. Diese Becherreihe beginnt hier mit einem Stangenbecher, den um 1710 Johann Conrad Freudenberger (M. 1695, 1732) geschaffen hat. Es werden Szenen aus der Jacobsgeschichte, wie der Kampf mit dem Engel, so gekonnt wiedergegeben, dass Scheffler den Becher abbildet und ihn als „besonders schönes Werk dieser für Frankfurt typischen Gattung“ lobt (Abb. 333a).11

Auf einem Becher Philipp Henrich Schönlings (M. 1696, 1756), entstanden um 1700, gerahmt und akzentuiert durch Schweif- und Rollwerk, zeigen hier die Kartuschen die Allegorien der Justitia und Abundantia und möglicherweise die Opferung eines Widders statt der Isaaks (Abb. 335b). Der Becher des Jeremias Zobel (M. 1701, 1741), um 1720, ist seiner Ausformung nach noch eher ein Kluftbecher. Akanthusranken der Bodenzone und der breiten Zone des Lippenrands rahmen die Wandung, die, wie der hohe Fußhals mit einem Flechtmuster verziert ist (Abb. 344a). Während der Becher des Johann Conrad Kempf (M. 1717, 1764), entstanden um 1730, lediglich Bandelwerk vor punziertem Hintergrund als Bordüre „angehängt“ schmückt (Abb. 375a), zeigt Meister Georg Wilhelm Schedel (M. 1722, 1762) um 1730 auf seinem Stangenbecher, hervorragend graviert, in den Kartuschen, umzogen von aus Vasen erwachsendem Bandelwerk mit Vögeln und Blumen, fein gravierte Szenen aus dem Leben Jesu (Abb. 388a). Ein letztes Mal in dieser Aufstellung bildet Johann Peter I. Beyer (M. 1729, 1774) auf zwei Stangenbechern, gearbeitet um 1730 bzw. um 1740, wiederum religiöse Szenen ab. Auf der oberen Wandhälfte zwischen Bandelwerk, Rocaillen, Festons, Blattwerk und Fruchtkörben sind in drei figürliche Kartuschen, szenisch graviert: „Heilige Anna“, „Jacobs Kampf mit dem Engel“ und „Christus als Guter Hirte“ (Abb. 401a). Auf dem zweiten, vom Auktionator als „Prunkbecher“ bezeichneten Stangenbecher, werden mehr als zwei Drittel der Wand von Gravuren beansprucht. Von Portraits bekrönt wird in die drei Kartuschen u. a. die „Taufe Christi“ gezeigt und „Petrus erhält von Jesus die Schlüssel zum Himmelreich“. Umgeben werden die Szenen von äußerst fein graviertem Bandelwerk mit Vögeln und Blumen. Im unteren Teil tritt ein bisher nicht aufgelöstes Spiegelmonogramm und ein komplex graviertes Wappen hinzu (Abb. 401b).

Während sich zunächst lediglich Zuckerdosen, entstanden um 1710 bzw. 1720-30, für die sich neu etablierenden Genussmittel Kaffee und Tee erhalten zu haben scheinen (Abb. 363a, 366aa), kommen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – wenn auch bisher in kleiner Zahl – weitere Gegenstände hinzu: eine kleine Heißmilch- oder Mokkakanne (Abb. 444a) des offensichtlich sehr produktiven Meisters Rötger Herfurth (M. 1748, 1776) und eine große Zuckerdose (Abb. 444b), beide mit geraden Zügen um 1750-60 entstanden.

Schließlich wird ab 1760 eine weitere Becherform für Frankfurt typisch. Ebenfalls von Herfurth gearbeitet, scheint der auf rundem eingezogenem Fuß konisch sich nach oben erweiternde Becher mit den unteren 40 Prozent seiner Wand in einem Korb zu sitzen, der aus vertikalen Bändern geformt ist (Abb. 444c). Weitere Becher dieses Typs blieben von Carl Wilhelm Rauch (M. 1758, 1772) und Johann Jacob Löschhorn (M. 1769, 1787), um 1760 und um 1770 erhalten (Abb. 460a bzw. 486b).

Bevor der letzte Höhepunkt Frankfurter Goldschmiedekunst in den letzten zwei Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts mit Johann Heinrich Philipp Schott (M. 1776, 1813) beginnt, ist Margrit Bauer zuzustimmen, dass die Qualität und Bedeutung der Erzeugnisse im Laufe des 18. Jahrhunderts spätestens ab den 40er Jahren deutlich nachgelassen hatte. Die übermächtige Konkurrenz der auf Frankfurter Messen angebotenen Augsburger Silberwaren zwangen zu Anpassungen an die stilistischen Vorgaben und ruinierten entscheidend Versuche zu eigener künstlerischer Kreativität. Schlagender Beweis dafür ist die Tatsache, dass das Ratssilber der Stadt in den fünfziger Jahren ausschließlich bei Augsburger Goldschmieden geordert worden war.12

Doch lange, bevor mit J. H. Ph. Schott ab 1790 erstmals wieder ein Frankfurter Goldschmied mit der Ergänzung des Ratssilbers betraut wurde, ist schon ab 1774, mit seinen frühesten Arbeiten, den Abendmahlsgeräten in diesem Bestand, zu erkennen, mit welchen Fähigkeiten zur künstlerischen Anpassung er dem schnellen Wechsel der Stile zu folgen weiß und damit, völlig zu Recht – gleich Johannes Adam Kördel in Kassel (M. 1767, 1814)13 – als der wichtigste Goldschmiede des Klassizismus Frankfurts gilt (Abb. 492a, b). Mit Beginn im Frühklassizismus, noch mit Rokokonachklängen, ist sein Kelch von 1788 ganz im Louis Seize und die Abendmahlskanne mit Kelch von 1785 ganz Zopfstil (Abb. 492d bzw. f, ausführlich dazu beim anschließend behandelten Kirchensilber der Zeit).

Sicher ist seine bedeutendste Arbeit im Klassizismus die Toilettengarnitur der Kronprinzessin Luise von Preußen, die ihr zu ihrer Hochzeit 1793 mit Kronprinz Wilhelm von Preußen von ihrer Darmstädter Familie geschenkt wurde. Als prominentestes Teil der einst vielteiligen Garnitur hat sich die schwervergoldete Wasserkanne erhalten. Bis auf zwei schmale Lorbeerfriese und das bekrönte Monogramm ohne weiteren Dekor ganz der Form einer römischen Kanne mit hochgezogenem Campaner-Henkel nachempfunden, besticht die sie durch ihre schwungvolle Eleganz. Sie wurde deshalb immer wieder in den Anthologien zur deutschen Goldschmiedekunst abgebildet (Abb. 492i).14

Seine hier vorgestellten Leuchterpaare zwischen 1795 und 1810 stehen alle auf der Zarge ihrer runden gestuften Füße. Haben die Schäfte seines Paares, um 1795-1800, noch eine zylindrische Form, erhalten die folgenden ihre Eleganz dadurch, dass die sich oben konisch erweiternden runden oder facettierten Schäfte nicht nur als Übergang zu den vasenförmigen Tüllen, sondern auch an ihrer Basis ein stark eingezogenes Schaftstück erhalten. Die Tüllen sitzen in Lanzettblattkränzen oder sind mit Maskarons verziert (Abb. 492h1-3). Als Folge von Napoleons Ägypten-Expedition der Jahre 1798-1801 entstand in ganz Europa eine Begeisterung für Ägypten, eine richtiggehende Ägyptomania, der auch Schott nachzukommen hatte. Sein Leuchterpaar, zwischen 1800 und 1806 entstanden, unterscheidet sich von seinen Vorgängern, dass der Schaft mit eingezogenem Hals in einer runden Öffnung mit verstärktem Rand endet, also keine eigentliche Tülle besitzt, in die die Tropfteller eingesteckt werden. Dazu dann komplettieren die in seinem oberen Teil angebrachten geflügelten Sphingen-Plaketten das als ägyptisch empfundene Aussehen (Abb. 492h4).

Ob Schott – wie zum Teil angenommen wurde – allein die Idee für den für Frankfurt der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts so typischen Leuchterentwurf auf hohem Zylindersockel hatte, wie z. B. das letzte, um 1810 entstandene Leuchterpaar, muss offen bleiben. Denn an anderer Stelle – siehe später – soll diese auch auf Wilhelm Conrad Hessenberg, siehe Abb. 553i, zurückgehen. Auch auf diesem letzten Paar Leuchter sind am Sockel Bacchantinnen-Reliefs und im Oberbereich des Schaftes Frauenmaskarons appliziert (Abb. 492o).

Dass bereits vor 1800 geprägte Zierfriese und Maskarons aller Art in Frankfurt zur Verwendung kamen, macht den großen Unterschied zu gleichzeitigen Werken aus Kasseler Werkstätten aus. Ganz offensichtlich hatten Frankfurts Goldschmiede wohl über die Messen, viel früher Zugang zu diesen frühindustriellen wohl französischen Produkten.15

Beispielhaft wird diese Entwicklung dokumentiert mit den hier vorgestellten Salièren in vier Ausführungen. Alle haben blaue Glaseinsätze. Allein funktional aus Bändern ohne jede Verzierung ist das erste Paar um 1804 entstanden. Ganz Louis Seize steht das zweite kahnförmige Salzschälchen auf vier an Möbelbeine erinnernden Füßchen. Seine Wand wird gebildet aus einer ausgesägten Ovolugelerie mit eingefügten griechischen Kreuzen. Diese Version wurde – weil Silber sparend – gern von Auftraggebern mit eher knappem Geldbeutel bestellt. Die dritte Salière steht auf ähnlichen Füßen. Der Rahmen der Wand ist konstruiert aus einem ausgesägten Rhombengitter der Bodenzone und einem Band als Randbegrenzung. Verbunden sind sie, noch mehr Material sparender, über acht spindelförmige Bleche, denen Portraitköpfe in Nachahmung  römischer Münzen flankiert von achtstrahligen Sternen vorgesetzt wurden. Die Füße und der Rahmen des letzten, vierten Salzgefäßes sind komplett aus Gesenk-gepressten starken Silberblechen zusammengefügt. Mit den an den Längsseiten angebrachten geprägten Blumengirlanden fehlt ihm trotzdem jede Eleganz. Es hat das Aussehen einer Kommode des Louis Seize. (Abb. 492k1-4).

Sind Eierheber von 1790 und Handleuchter von um 1810 ganz das solide Ergebnis klassischer traditioneller Handwerkskunst (Abb. 492g bzw. Abb. 492n), stammt von Schott bei der Herstellung der zwei Dreifußschalen nur der Entwurf. Die Teile sind komplett erste vorindustrielle Produkte (Abb. 492p).

Dass die Bedeutung der Fa. Schott wie auch die der nachfolgend vorgestellten Werkstätten, die sich aus traditionellen Werkstätten, über kleine Manufakturen zu mittelständigen Industrieunternehmen mit Silberhandel entwickeln konnten, hat seinen Grund darin, dass nach dem Tod der Gründer tüchtige Familienmitglieder die Firmen weiterführen und weiterentwickeln.

So Johann Martin Schott (M. 1811, 1822), der Sohn des J. H. Philpp, zusammen mit seiner Mutter. Als dritter Mitinhaber ist Friedrich Ernst Wülker (1806 Innungsmitglied, 1856) seit 1807 auch Hofsilberarbeiter des Fürstprimas v. Dalberg zu Höchst, verheiratet mit der Tochter Anna Catharina des Gründers. Als wichtiger einflussreicher Mitarbeiter sorgte er vor allem nach dem Tod J. Martin Schotts im Jahre 1822 für Kontinuität.

Zunächst unterscheiden sich die Leuchter unter Martin Schotts Führung nicht von denen seines Vaters (Abb. 548b2). Dann aber setzt er im Zuge der Ägyptomanie, um 1811-15, konsequent neue Akzente. Er stellt seine Leuchter auf quadratische Plinten und lässt seine Steelenschäfte mit ägyptischen Doppelkopfhermen enden (Abb. 548b1). Die Kannen, allein oder Teil eines Kaffeesets, um 1811-23 bzw. um 1820 setzt er mit Delphinen bzw. Hufen auf runde Platten. Die Wandungen der Gefäße bleiben glatt belassen. Mit breiten geprägten Friesen wird der Beginn des jähen Einzugs der Gefäßhälse akzentuiert. Tierkopfausgüsse der Kannen und flache Stülpdeckel besitzen entweder Handhaben in Form eines Schwans oder haben das Aussehen von weiblichen Dreikopfgesichtern (Abb. 548c und d).16 Seine bauchige Teekanne auf schmalem Standring hingegen, um 1815, erscheint schon ganz in biedermeierlicher Behäbigkeit (Abb. 548e). Erstaunlich früh, 1820-23, wohl als Kopie nach Augsburger Vorbild, verlässt ein Paar Neorokoko-Leuchter, einer mit erhaltenem Kandelaberaufsatz, die Fa. Schott (Abb. 548f).

In den Jahren zwischen 1820-30 bekommt im spätklassizistischen Stil die Herstellung qualitativ hochwertigen Bestecksilbers immer größere Bedeutung (Abb. 548g1-3). Einerseits entstehen Gebrauchsgegenstände noch in komplett traditioneller Goldschmiedearbeit, wie z. b. eine Lichtputzschere (Abb. 548g4), andererseits bestehen Gefäße mit ihren Verzierungen ebenso komplett aus Fertigteilen (Abb. 548h) nebeneinander. Ab 1850 ist für die quasi industrielle Herstellung im Barockhistorismus eine Kaffeekanne ein gutes Beispiel (Abb. 548i).

Im fortschreitenden Jahrhundert entwickelte sich die Auftragslage so prächtig, dass die Fa. J. H. Ph. Schott Söhne Offenbacher Goldschmiede beauftragte, für sie als Subunternehmer bei der Fertigung von Bestecksilber tätig zu werden (Abb. 548m1-3).

Der Gründer der zweiten bedeutenden Goldschmiedewerkstatt und späteren Silberwarenfirma ist Carl Hessenberg (M. 1768, 1807). Da nur sehr wenige Arbeiten von ihm bekannt sind, ist nicht er, sondern sein Sohn Wilhelm Conrad (M. 1799, 1837) für den rasanten Aufstieg zu einer der führenden Werkstätten des Klassizismus in Frankfurt der Urheber. Dabei ähnelt sein Tafelsilber, wie Teekanne oder Wasserkessel mit Stövchen, in klaren Umrissen und glatt belassenen Wänden durchaus den Erzeugnissen der Fa. Schott (Abb. 533c, d), ebenso seine aus Drahtornamenten gearbeitete Zuckerschale auf drei Palmetten-Tatzenbeinen (Abb. 533f). Angedeutet schon mit seinem Paar Tafelleuchte, um 1810-20, haben die Füße bereits eine glockige Podestform, auf denen die Wadenbeinschäfte stehen. Auch die Männerkopfmaskarons, mit denen der obere Bereich der Schäfte verziert ist, sind geprägt aus französischer Produktion (Abb. 533e). Die 1820 gestifteten Leuchter hingegen repräsentieren voll umfänglich den „Frankfurter Leuchtertyp“. Denn dem breiten Hals des runden Fußes sitzt der so charakteristische Zylindersockel als Basis für die sich nach oben erweiternden Schäfte auf. Auf seine Oberfläche sind an der Basis miteinander verbunden die Appliken dreier Tänzerinnen aufgelegt, während, wie so oft, auch der Abschlussbereich der Schäfte mit angelöteten Maskarons verziert ist (Abb. 533i). In die durchbrochen gearbeitete Wand des um 1820 entstandenen großen Brotkorbs aber sind geprägte Ornamente der Fa. P. Bruckmann & Comp., Heilbronn a. Neckar, eingefügt (Abb. 533h).

Zusammen mit seinem Sohn Johann Friedrich jun. (M. 1834, 1874) führt W. C. Hessenberg die Fa. W. C. Hessenberg & Sohn weiter bis Anfang der vierziger Jahre. Das aus dieser Zeit erhaltene Paar Leuchter ist die genaue Kopie des Meisterrisses von Georg(e) Friedrich Weigel (Abb. 584aa), der dann ohne Beanstandung von dem Kasseler Goldschmied Gottlieb August Scheel zum MR 1842 dreist plagiiert worden war.17

1845 wird die Fa. durch Verschmelzung mit der Juwelierfirma Joh. Wirsing & Sohn, Nr. 549 und Nr. 588, sodann mit dem Eintritt des Juweliers Christoph Conrad Sackermann, Nr. 599, zu einem Juwelier-, Gold- und Silberwarengeschäft „Sackermann Hessenberg & Co.“ erweitert. Auch sie lässt ab 1850 Bestecksilber von Offenbacher Goldschmieden als Subunternehmer für sich in größeren Stückzahlen anfertigen (Abb. 584aa-f).

Der Gründer der dritten aus der Menge herausragenden Goldschmiedefamilie im Klassizismus Frankfurts ist Nicolaus I. Specht (M. 1763, 1811). Auch von ihm sind schon wie bei Carl Hessenberg kaum Arbeiten bekannt. Wieder ist erst sein Sohn Erhardt Christian (M. 1791, 1806) für den Erfolg der Werkstatt verantwortlich. Bedeutung findet er in seinem kurzen Meisterleben allein dadurch, dass ihm die Grafen von Solms-Laubach mit der Schaffung eines äußerst umfangreichen Tafelsilbers für ihr Schloss in Laubach beauftragten, das er zwischen 1800 und 1802 nach und nach liefert. Für den mehr privaten Kaffeegenuss eine große Kanne (Abb. 519c), Leuchtersätze (Abb. 519d), aber dann für die festlichen Bankette Terrinen, Eiskessel, Gläserkühler, Zuckerschalen und Salzschiffchen in Sätzen (Abb. 519e-i). Die einzelnen Gegenstände sind nicht durch Dekor einem einheitlichen Ordnungsprinzip unterworfen. Jedoch erhalten alle Teile des Tafelsilbers zur Vereinheitlichung Löwenköpfe mit im Maul hängenden Trageringen. Auch Specht muss die Appliken und Fertigteile, die Löwenköpfe, den Satyr-Ausguss der Kaffeekanne, die geprägten Lotusblattfriese aus französischer Produktion bezogen haben. Salzgefäße und Zuckerschale entstanden mit ausgesägt gestalteten Wänden in seiner Werkstatt.

Die letzte überdurchschnittlich gute Goldschmiedewerkstatt im Frankfurter Klassizismus eröffnete Peter Franz Vigelius (M. 1791, 1837). Sie bleibt ohne Nachfolger, die sie hätten weiterführen können. Ein Tischleuchter, um 1800, ähnelt frappant dem Paar des W. C. Hessenberg (Abb.533e). Auch hier stehen die vasenförmigen Schäfte mit drei Bocksfüßen auf dem Podest-ähnlichen Glockenfuß, die verlängert zu Widderkopf-Maskarons werden und durch einen Ornamentfries verbunden den vasenförmigen Teil des Schaftes halten sollen (Abb. 521e). Im Gegensatz dazu besitzt ein weiteres Paar Leuchter, um 1815 (Abb. 521h) wiederum in allen Details große Ähnlichkeit mit den Leuchtern der Fa. W. C. Hessenberg & Sohn (Abb. 584aa), die ihrerseits, wie oben beschrieben, Kopien Kasseler Vorlagen sind. Zweimal Teekanne und Milchkännchen (Abb. 521c u. Abb. 521j2 u. 3), sowie eine Kaffeekanne (Abb. 521f), alle in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entstanden, wirken mit ihren ovalen bauchigen Wänden ohne jeden Dekor, nur gegliedert durch schmale Blattfriese, schon sehr behäbig, ja schon biedermeierlich mit ruhenden Löwen als Deckelbekrönung.

Viele der zahlreichen zeitgleich arbeitenden weiteren Goldschmiede Frankfurts besaßen wohl auch das Können des P. F. Vigelius, hatten durchaus eigene kreative Ideen, siehe das Leuchterpaar des Meisters JBS (Abb. o. Nr.), die Leuchterpaare des Johannes II. Hof(f)mann (Abb. 524a, b), die Spielleuchter des Gottlieb Christian Vester (Abb. 530a), die Leuchter des Johann Jacob Lücke (Abb. 553c und e) oder abschließend das Paar Girandolen des Johann Pilipp Hof(f)mann (Abb. 562d), konnten es aber nicht unter Beweis stellen, da ihnen aufgrund der dominierenden Werkstätten die notwendigen Aufträge gefehlt hatten.

 

Das Kirchensilber Frankfurts

 

Wie bereits zuvor ausgeführt, muss der derzeitige Überblick zu den vasa sacra und Taufgeräten aus Frankfurter Werkstätten lückenhaft bleiben, solange kein zentraler Zugriff auf das Kirchensilber der Gemeinden Frankfurts und seiner Umgebung der Ev. Kirche von Hessen-Nassau möglich ist. Die hier vorgestellten Arbeiten stammen mit wenigen Ausnahmen sämtlich aus Gemeinden der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck.

Den frühesten Kelch mit seiner Patene arbeitet Nicklas Bierckenhultz (M. 1629, 1664) um 1650. Dem runde Fuß mit breitem Standring, schmaler gewölbter Schulter, profiliertem Fußrücken gibt der Meister einen hohen kegelförmigen -hals und verbindet ihn über einen Profilwulst statt mit einem Schaft mit Nodus stattdessen mit einem Lateinischen Kreuz, dem über eine Scheibenverstärkung die glockenförmige Kuppa aufsitzt (Abb. 136b1, 2). Und da Kelch und Patene für eine Gemeinde außerhalb des Geltungsbereichs Frankfurter Stempelpflichten gefertigt wurde, zeichnete Bierckenhultz nur mit seinem Meisterzeichen, einem Vorgehen, dem später auch weitere Frankfurter Goldschmiede folgten.

Eine große repräsentative Abendmahlskanne schuf, um 1670, Johann Jacob I: Leumann für eine Lutherische Gemeinde nach deren Vorgaben. Denn die Formgebung und ihr Dekor gehen nicht auf ihn zurück. Vielmehr hatte er sich, bis in Einzelheiten an den vier Kannen zu orientieren, die der Marburger Goldschmied Christopherus Schultheiss schon vor 1650 bis um 1670 für die Marienkirche Marburgs gearbeitet hatte.18

Um 1680 schuf Caspar Birckenholtz (M. 1661, 1690) einen Kelch, wiederum nur mit seinem Meisterzeichen gestempelt, dessen Form so typisch ist, dass man von einem „Frankfurter Kelchtyp“ sprechen kann, wenn auch hier mit Augsburger Einflüssen. Die Sechspassigkeit des Fußes wird sechsseitig über Fußhals, unteres Schaftteil, getreppten Balusternodus und oberes Schaftteil durchgehalten. Zusammen mit der becherförmigen Kuppa wirkt der Kelch durch seine schlanke Silhouette elegant und sichert sich so einen hohen Wert der Wiedererkennung (Abb. 255b).

Weitere prägnante Beispiele dieser Kelchform stammen um 1690 von Johannes Rumpel(l) (M. 1682, 1707) (Abb. 305b) bzw. um 1720 von Johannes I. Augspurger (M. 1694, 1723) (Abb. 329c, d), Philipp Heinrich Schönling (M. 1696, 1756), um 1715 (Abb. 335d) und Johann Philipp Rauch (M. 1703, 1729), entstanden um 1720 (Abb. 350a).

Aus der Werkstatt der Hanns Peter Bernulli (M. 1664, 1701) kam, um 1670, ein Brotteller auf drei Kugelfüßchen, der durch seinen großen flachen Spiegel, ein kurzes scharf gekantetes Steigbord und eine schmale, zum Rand hin leicht ansteigende Fahne sehr modern wirkt (Abb. 261a). Eine große runde Oblatendose für eine Darmstädter Gemeinde schmückt auf ihrem gewölbten Deckel, um 1660-70, Heinrich Paulus Meyer (M. 1666, 1676) mit einer gravierten Tulpe in den drei Stadien Knospe, aufgehend und voll erblüht, begleitet von den typischen Blattwedeln des Blumenbarock (Abb. 270a). Johannes Rumpel(l) entscheidet sich mit einem weiteren Kelch, um 1700, gegen den Frankfurter Typ, indem sich die Sechspassigkeit nur auf dem Fuß beschränkt, Fußhals und Schaft mit eiförmigem Nodus und der Boden der becherförmigen Kuppa abgerundet bleiben. (Abb. 305c).

Die beiden Kelche, die Johann Helf(f)rich Riess um 1700 und vor 1708 für eine reformierte Gemeinde bzw. für Landgraf Carl (1670/77-1730) von Hessen-Kassel, hier mit Patene 19 arbeitete, entstanden ganz nach den Glaubensvorstellungen des Deutsch-reformierten Bekenntnisses in reizvollem Kontrast zum „Frankfurter Kelchtyp“. In klaren Umrissen, ohne jede Ornamentierung stehen sie auf rundem Fuß mit kräftigem Standring, gewölbter Schulter und profiliertem Fußrücken. Zwischen eingezogenen profilierten Schaftstücken der Kugelnodus. Beide Kelche besitzen hohe becherförmige Kuppen. Mit der Betonung der Horizontalen erhalten sie eine gewisse wuchtige Bodenständigkeit nach dem Motto „Hier stehe ich und kann und will nichts Anderes“ (Abb. 307a1-3).

Schon von 1670 hatte sich eine einfache, in Zargenarbeit hergestellte ovale Hostiendose des Hans Georg Bauch (M. 1641, 1676) erhalten, die Anna Elisabetha von Boineburg, geb. von Buchenau, in die KG Buchenau, Kk Fulda, gestiftet hatte (Abb. 221b).20 Dieser Typus wird um 1700 von Johann Christian I. Riess (M. 1695, 1741) vergoldet und in deutlich besserem Zustand wieder aufgenommen (Abb. 325a). Eine weitaus qualitätvollere runde Hostiendose begleitet eine Abendmahlskanne, die mit ihr gemeinsam später besprochen wird (Abb. 335c). Johann Philipp Rauch (M. 1703, 1729) schuf eine 1729 gestiftete Oblatendose in Kastenform. Quadratisch, an den Rändern durch Profile verstärkt, steht sie auf vier Ballenfüßchen. Sie kann mit einer schön ausgesägten Scharnierschließe verschlossen werden (Abb. 350c).

Eine kleine Abendmahlskanne fertigte 1729 Johann Conrad (I.) Freudenberger (M. 1695, 1732). Auf getrepptem rundem Fuß, gemäßigtem Ohrenhenkel und gewölbtem Deckel präsentiert sie sich mit ihrem birnenförmigen Gefäßkörper ganz als typischer süddeutscher Kannentyp der Zeit (Abb. 333c). In deutlich gestreckter Form hat sich eine weitere Kanne erhalten, die 1711 von einem Hanauer Meister geschaffen, 1711 umfänglich von Johann David Griebel (M. 1705, 1750) repariert werden musste (Abb. 355e). Für eine KG der Ev. Kirche von Thüringen schließlich nimmt die birnenförmige Abendmahlskanne, die Jost Leschhorn (M. 1731, 1758) zusammen mit einem Kelch 1729 gearbeitet hatte in Bezug auf die Streckung der Silhouette eine Mittelstellung ein (Abb. 405b). Mit dem 12passigen Fuß, indem in vierfachem Rapport ein breiter von zwei halb so breiten Pässen begleitet wird, was auf dem direkt auf dem trompetenförmigen Fußhals sitzenden KIssennodus  fortgesetzt wird sowie der glockenförmigen großen Kuppa auf die, umrahmt von Palmzweigen das Lamm Gottes mit Siegesfahne graviert ist, weicht Leschhorn hier völlig vom „Frankfurter Kelchtyp“ ab (Abb. 405c).

Die möglicherweise zum Regierungsantritt Christian Ernst zu Stolberg-Wernigerode um 1714 für die Kapelle des Schlosses Wernigerode angeschaffte Garnitur, zu der Kelch und Patene heute fehlen, gehört zu der oben sprochenen Oblatendose die sehr markante Abendmahlskanne. Sie schuf, wie die Oblatendose, um 1714 Philipp Henrich Schönling (M. 1696, 1756). Sie steht auf rundem profiliertem Fuß. Das bauchige Unterteil des Gefäßes wird scharf abgesetzt gegen den langen eingezogenen Gefäßhals. Zusammen mit dem flach gewölbten profilierten Deckel, dem kräftige Ohrenhenkel und dem Federbuschdrücker erinnert sie an den sehr repräsentativen Marburger Kannentypus (Abb. 335c). Schönling darf durchaus als bemerkenswerte Künstler der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gesehen werden. Neben dem schon vorgestellten, ausgezeichnet gravierten Stangenbecher mit gravierte religiösen Szenen (Abb. 335b), schuf er unter Abwandlung des „Frankfurter Typs“einen Kelch, dessen vergoldete Becherkuppa in einem weißsilbernem Korb mit getriebenem Akanthus und Früchten steckt (Abb. 335f). Schließlich beweist er 1728 sein überdurchschnittliches Können mit dem hervorragend getriebenen (Brot-)Teller, dessen relativ schmale Fahne er Faden-verziert verstärkt. Auf die Mitte des großen Spiegels graviert er das komplexe Wappen der preußischen Adelsfamilie von Muschwitz (Abb. 355g).

Während sich für die Stangenbecher mit religiösen Szenen bisher kein kirchlicher Bezug als vas sacrum nachweisen ließ und deshalb mit dem profanen Silber abgehandelt wurden, ist der Stangenbecher mit Deckel des Matthias Schaffhäuser (M. um 1706), um 1730, schmucklos für eine reformierte Kirchengemeinde gearbeitet worden und somit Abendmahlsbecher (Abb. 355aa).

Die nun folgenden Kelche, zum Teil mit begleitender Patene, weichen sämtlich auf die eine oder andere Weise vom Frankfurter Kelchtyp ab. Das Kelchpaar des offensichtlich tüchtigen, schon oben mit Werken vorgestellten Silberarbeiters Johann David Griebel, entstanden um 1740, steht auf der Zarge ihrer runden getreppten Füße, werden über einen Trompeten-förmigen Fußhals mit dem Schaft aus runden eingezogenen Schaftstücken mit Kugelnodus verbunden; glockenförmige Kuppen schließen ab (Abb.355d). Dieser Kelchversion kommt auch eine Arbeit des schon vorher mit profanen Werken vorgestellten Rötger Herfurth nahe. Sein Kelch, um 1720, weicht lediglich in zwei Details ab: Die Schulter des Fußes ist durch sechs Züge gegliedert und die Kuppa hat eine Trichterform (Abb. 444e).

Große kulturhistorische Bedeutung hat der Kelch des J. D. Griebel (leider in schlechter Qualität der Abbildung), eine Stiftung der Frankfurter Bäckerzunft von 1730. Auf rundem gestuftem Fuß weicht der sechsseitige Schaft mit seinem Barockvasen-Nodus völlig von der in Frankfurt üblichen Gestaltung ab. Die Gravuren auf der Becherkuppa machen ihn zu Recht nach Fritz zu einem einzigartigen Dokument. „weil er [als einziges vas sacrum wohl im ganzen Reich] expressis verbis an das 200jährige Jubiläum der Augsburger Konfession im Jahre 1738 erinnert, wie aus der unmittelbar unter dem Lippenrand der steilwandigen Kuppa gravierten gereimten Inschrift hervorgeht. Die gesamte übrige Fläche der Kuppa ist mit reichen Gravierungen von sechs Medaillons in Kartuschen bedeckt, die die Wappen der Meister und Repräsentanten der Bäckerinnung im Frankfurter Rat zeigen, die den Kelch gestiftet haben“ (Abb. 355c).21

Zwei Kelche des Johann Peter Schönling (M. 1736, 1761), um 1740 und 1759, sind ganz Erzeugnisse im Stil des Rokokos. Auf achtpassig gerundetem Fuß ziehen die Züge rechtsdrehend bis in den Fußhals hinein, formen dann linksdrehend, nur durch drei spulenförmige Schaftstücke unterbrochen, die Oberflächen erst des kleinen dann des eigentlichen Balusternodus; becherförmige Kuppa. Der Meister hatte also den achtseitigen gekanteten Frankfurter Kelchtypus unter Beibehaltung der Silhouette nun mit drehenden Zügen in eine elegante Version dieses Typs überführt (Abb. 414a, b).

Ein Kelchpaar und einen großen Brotteller, 1774 und 1781 in die KG Wetter gestiftet, arbeitete Johann Heinrich Philipp Schott (M. 1776, 1813). Der bedeutendste Meister Frankfurts der Jahrzehnte vor und nach 1800 präsentiert hier ein letztes Mal den „Frankfurter Kelchtyp“ im Stil des Frühklassizismus. Die runden Füße auf schmalem Standring werden bezüglich ihrer Schultern mit zahlreichen, leicht linksdrehenden Zügen gegliedert, letzter Rest des an sein Ende gelangten Rokoko. Auf dem Fußrücken werden aus sechs Halbkreisen sechs Züge entwickelt, die zur Sechsseitigkeit des Fußhalses werden. Diese Sechsseitigkeit wird über das Verbindungsprofil zum Schaft, den Balusternodus mit seinen Schaftstücken durchgehalten. Glockenförmige Kuppen bilden den Abschluss. Der Brotteller hat die typische profane Form der Zeit mit achtpassiger, am Rand profiliert verstärkter Fahne (Abb. 492a, b).

Vierzehn Jahre später entstand sein in eine Kirchengemeinde gestifteter Kelch nun ganz im Louis Seize. Die Schulter des runden hochgewölbten Fußes ornamentiert eine geprägte Blattgirlande vor punziertem Hintergrund. Vom podestartigen Fußhals hängen schmale, sich überlappende Lanzettblätter herab, „das“ beherschende Schmuckmotiv des Klassizismus bis ins Biedermeier. Auch die Oberfläche des Balusternodus ist mit Lanzettblättern belegt. Er erhält dadurch das Aussehen eines Heißluftballons des 19. Jahrhunderts. Die Wand der hohen Becherkuppa mit ausgestelltem Lippenrand bleibt ohne Dekor (Abb. 492d).

Drei Jahre vorher, 1785, stifteten drei prominente Frankfurter Bürger eine Abendmahlsgarnitur.22 Den Auftrag zur Herstellung der bedeutendsten Teile, Abendmahlskanne und Kelch, ging an J. H. Ph. Schott, der für Patene und Oblatendose an Johann Jacob von Hilten (M. 1750, 1793). Während der Kelch, bis auf eine anders gestaltete Fußschulter das Vorgängeroriginal für den zuvor besprochenen Kelch von 1788 ist, zeigt bei gleich gestaltetem Fuß der Amphoren-artige Kannenkörper auf seiner Wand die typischen Verzierungen des Zopfstils, der deutschen Variante des Louis Seize. Das bauchige Unterteil sitzt in einem Kranz von Lanzettblättern, den Hals schmückt ein Kranz aus geflochtnem Stroh. Typisch für die Zeit sind der geschwungene Kannenrand und der hochgewölbte Kappendeckel (Abb.492f). Während die Patene aus der Werkstatt von Hiltens keine besonderen Fähigkeiten erfordert, ist die Hostiendose, bis auf die Kassetierung des Einschiebedeckels ohne weiteren Dekor als rechteckiger Kasten auf vier Volutenfüßchen ansprechend schlicht gehalten (Abb.447c)

Die letzte hier dokumentierte Arbeit von einiger Bedeutung ist kurioserweise ein zum Kelch umgewidmeter Ehrenpokal, den 1817 Johann Martin Schott (M. 1811, 1822) als Ehrengabe der dankbaren Einwohner der Grafschaft Catzenellenbogen gearbeitet hatte, gewidmet Carl Friedrich August Philipp Freiherr von Dalwigk zu Camp.23 Nach seinem Tod wohl von der Witwe an die Kirche von Hoof abgegeben, fehlt dem auf einer Säule platzierten Bechergefäß mit ausgestelltem Rand jeder kirchliche Bezug (Abb. 548a).

1845 wird die Fa. Sackermann, Hessenberg & Co mit der Herstellung eines Brottellers beauftragt, gestiftet von Henriette Schenckzu Schweinsberg in die Kirche von Loshausen. Ihr Wappen ist auf die Mitte des Spiegels graviert (Abb. 584ba).24 1857 lässt die gräfliche Familie Solms-Laubach anlässlich der Konfirmation ihres Sohnes Hermann bei Sackermann, Hessenberg & Co eine Oblatendose in Form einer Truhe für die Laubacher Stadtkirche anfertigen (Abb. 584bb).

Auch wenn aus den anfangs genannten Gründen nur eine begrenzte Auswahl Frankfurter Kirchensilbers zur Besprechung kam, kann aufgrund der Qualität der vorgestellten Objekte schon davon ausgegangen werden, dass sie für Frankfurt als repräsentativ gelten kann.

 

Das jüdische Zeremonialgerät Frankfurts

 

Bereits Margrit Bauer hatte in ihrer kurzen Darstellung der Frankfurter Goldschmiedekunst1992 darauf hingewiesen, dass besonders Anfang des 18. Jahrhunderts eine beträchtliche Anzahl von Arbeiten jüdische Auftraggeber hatte, ja dass sich einige Goldschmiede spezialisiert hatten, diese Nachfrage zu befriedigen.25

Nur acht jüdische Zeremonialgefäße haben bisher den Weg in diese Sammlung ausgewählter Frankfurter Goldschmiedearbeiten gefunden. Doch sie besitzen sämtlich hohe Qualität.

Der sogen. „Goldene Kidduschbecher“, heute im Jewish Museum New York, um 1590 entstanden, wird nicht aufgrund von Marken, sondern wegen der engen stilistischen Nähe in der Ornamentik zum Windecker Ratsbecher Hans Sender (M. ca. 1569, nach 1578, vor 1587) zugeschrieben Bis auf den Fußhals und die Lippenrandzone wird der Stangenbecher flächenfüllend mit stark bewegtem Bandelwerk ornamentiert, das an seinen Endungen, immer fein ausgeführt, stark eingerollt endet. Hochovale gerahmte Kartuschen sind auf der Mitte der Wand eingefügt (Abb. 33b).

Den Deckel eines hebräischen Gebetbuches arbeitete um 1587 Hans Knorr (M. 1573, 1596). Die mit rotem Samt eingefasste Vorder- und Rückseite erhielten einen Profilrahmen, randparallel begleitet an den Längsseiten von einem Fries wohl aus Blättern. In die Ecken sind in Bandelwerk eingebettet jeweils eine Rosenblüte platziert. Um die gerahmte, zentral auf der Vorderseite aufgebrachte hochovale Kartusche mit getriebener Szene, sind zwölf gebördelte Plaketten angebracht, die jeweils einen Löwenkopf zeigen könnten. Eine Rosette stabilisiert den unteren Deckelrand. In der Mitte des oberen Buchrands ist eine Öse mittels einer von Bandelwerk gerahmten Plakette, die vegetabil verziert ausläuft und im Zentrum eine Maske aufweist an dem Buchdeckel befestigt, dass das Büchlein auch mit einem Band vor der Brust getragen werden kann. Die Buchschließen haben in etwa die gleiche Befestigung wie für die Öse (Abb. 35a).

Den mächtigen Chanukkaleuchter schuf 1681 Johannes Valentin Schül(l)er (M: 1680, 1720), Bruder des Silberarbeiters Johann Michael Sch., Nr. 312.26 Vier sitzende Affen mit Löwenmähnen, die auf einem Tatzenfuß sitzen und ein Schild vor sich halten, tragen das quadratische Podest, das von einer Galerie aus Palmettornamenten gerahmt wird. Vier gegossene geflügelte Puttengesichter sind auf seinem Rücken aufgebracht. Bevor die acht Leuchterarme in den runden zentralen Leuchterschaft eingehängt sind, befinden sich sechs gegossene Spiralranken mit zentraler Blüte wohl als Handhabe am Schaft angelötet. Auf die nach oben gebogenen Arme sind bis zum jeweiligen Abschluss mit der Wanne für das Lampenöl, Blüten im Wechsel mit Glocken aufgezogen. Vor Palmbaumornamenten sitzen auf den Lampendeckeln Eichhörnchen, Hirsche, Adler und Pelikane. Unter die acht Ölbehälter ist jeweils ein echtes Glöckchen angehängt. Auch auf dem weitergeführten Leuchterschaft folgen aufgefädelt Blüten und Glöckchen aufeinander. Ein nackter Mann mit phrygischer Mütze sitzt auf dem Henkel der am Schaft angebrachten Wanne eines weiteren großen Ölbehälters. auf der Spitze des Schaftes steht, von einer Palmettengalerie umgeben, Judith, in der rechten erhobene Hand das Schwert, in der linken den abgeschlagenen Kopf des syrischen Heerführers Holofernes hochhaltend (Abb. 302a).

Der Kidduschbecher einer Bruderschaft entstand um 1705 in der Werkstatt eines Meisters mit den Initialen PL oder PH, dessen Identität bisher ungeklärt ist. Äußerst typisch für die Zeit seiner Entstehung hat der runde Fuß eine godronierte Schulter. In die kreisförmigen, mit einem Flechtband gerahmten Medaillons sind wohl die Namen der Mitglieder der Bruderschaft eingraviert (Abb. bisher ohne Nr. zwischen Nr. 307 und 310).

Den Thora-Schild arbeitete zwischen 1710 und 1720 Johannes Adam Boller (M. 1706, 1732) traditionell in der Form einer Tafel bzw. in einem Umriss, wie ihn Spiegel der Zeit haben. Denn wie diese besitzt er einen hier godronierten Rahmen. Vor vergoldetem Hintergrund kommt das feine weißsilberne Rankenwerk, das symmetrisch zwei bekrönte (Gesetzes-)Tafeln umgibt, wirkungsvoll zur Geltung. Die Tafeln sind durch eine weitere aufwendig filigran umrahmte rechteckige Tafel miteinander verbunden. Das Rankengitter ist mit zwölf vergoldeten Nieten an seinem Hintergrund festgemacht. Eine kreisrunde Kartusche mit gezähneltem Rand, umgeben von einem Gerüst mit integrierten Rocaillen und Masken ist mittig im Giebel des Schilds über einem Blütenornament angebracht. Die Kette oben und die drei angehängten Glöckchen unten scheinen noch original zu sein (Abb. 356a).

Weiterhin hat sich von Meister Boller eine Besomimbüchse von hoher Qualität erhalten, die er um 1720 angefertigt haben dürfte. Vier steigende Löwen halten den rechteckigen Kasten, dessen obere Ränder Rahmen-verstärkt sind. Das Innere ist in sechs Kompartimente unterteilt. Alle Seiten und der seitlich herausschiebbare Deckel sind flächendeckend fein mit Akanthus graviert. Ein weiterer steigender Löwe auf einem herausgehobenen Rechteck ist Handhabe zum Bewegen des Deckels (Abb. 356c).

Einen weiteren Chanukkaleuchter, diesmal in Bankform, um 1760 von Carl Wilhelm Rauch (M. 1758, 1772) geschaffen, befindet sich, wie die meisten der zuvor beschriebenen Zeremonialgefäße im Jüdischen Museum Frankfurt. Wieder tragen vier steigende Löwen den als Leuchterbank ausgeführten Kasten mit Scharnierklappdeckel. Die Vorderseite des Kastens gibt die acht Auslässe für die Dochte frei, die ihr Öl aus den acht separaten Kompartimenten des Kasteninneren beziehen. Die Rückwand der Bank zeigt auf ihrer Mitte eine hochovale Kartusche mit einem brennenden siebenarmigen Leuchter, umgeben von Rocaillen halten sie zwei steigende Löwen. Unterhalb des Schwanzendes des rechten hält witzig eine kleine ebenfalls steigende Löwenfigur den Fidibusbehälter (Abb. 460b).

 

Anmerkungen

1. S. 103, in: Bauer, Frankfurt a. M., 1992.

2. H St AM 4b Hofhaltung, Nr. 251, in: S. 10, Reiner Neuhaus, Die Geschichte des Kasseler Goldschmiedehandwerks, in: Kassel 1998.

3. Wie Anm. 1.

4. siehe die Abb. 492o, p, Abb. 521f, j1-3, Abb. 533c, e, f, Abb. 548i.

5. Siehe Abb. 418a, Abb. 444a, c, Abb. 492k1-4, I, n, Abb. 519c, d, Abb. Meister JBS ohne Nr., Abb. 548g.

6. Siehe die Abb. 35c, d, Abb. o. Nr. a, b des Meisters NR, Abb. 246a, Abb. 553h, i.

7. Scheffler, Hessen, Frankfurt, Nr. 7, Werk a bzw. b.

8. S. 104, in: Bauer, Frankfurt a. M., 1992.

9. Da es sich dabei nicht um ein neu geschaffenes Werk des Meisters handelt, fehlen das Beschauzeichen Frankfurts und der Abschlag seines Meisterzeichens. Stattdessen gravierte der Meister lediglich die ligierten Initialen HL auf den Fußrücken des restaurierten Kelches (S. 172-175, 19,I Kelch, in: Neuhaus, Patronatssilber Hessens).

10. Scheffler, Hessen, Frankfurt, 293.

11. Scheffler, Hessen, Frankfurt, 333, Werk b bzw. Tf. VI, Abb. Nr. 13u. 15.

12. S. 104, in: Bauer, Frankfurt a. M., 1992.

13. Nr. 104, S. 49-81, Kasseler Silber des Frühklassizismus, in: Reiner Neuhaus, silber-kunst-hessen.de.

14. Ein Leuchterpaar und sechs schlichte Dosen unterschiedlicher Größe aus dieser Toilette kamen 1996 bei Sotheby´s Genf zur Versteigerung (Sotheby´s Genf, 13.5.1986, Lot 169).

15. Hingegen kommen in Kassel erst ab ca. 1815 geprägte Produkte der Fa. Peter Bruckmann & Comp., Heilbronn a. Neckar, per Katalog bestellt, zum Einsatz.

16. Sahnegießer und Zuckerdose sind spätere Ergänzungen der Hanauer Firmen Neresheimer bzw. A. W. Schleissner (Scheffler, Hessen, Hanau, 507 bzw. 450).

17. Abb. 119d1, 3 u. 4 bzw. 119d2, Kasseler Silber des Spätklassizismus und Historismus, in: Reiner Neuhaus, silber-kunst-hessen.de bzw. MR: Leuchter, Abb. 30, in: Kassel 1998).

18. erweitert bis 1711 jeweils um eine weitere Kanne von seinem Sohn Jacob und eine von dem Marburger Goldschmied Christoph Köhler (Abb. u. Tabelle Nr. 25a-d, 34a und 40d, Reiner Neuhaus, Goldschmiede von Marburg, in: silber-kunst-hessen.de).

19. 1708 gestiftet von Landgraf Carl in die Stephanuskirche Hofgeismar, der Kelch und Patene zuvor auf Reisen benutzt hatte.

20. S. 228 u. S. 347, 27, Ia, b, in: Neuhaus, Patronatssilber Hessens.

21. S. 290, Abb. 486 u. Kat. Nr. 350, in: Fritz 2004.

22. Es sind dies: Peter Heinrich v. Bethmann genannt Metzler (1744 - 1800) - ein Mitglied der Bankiersfamilie Metzler, Johann Valentin Gottfried Scharff (1752-1800) - ein Frankfurter Kaufmann - und Alexander Stein, ein Advokat aus der Familie seiner Mutter.

23. Carl Friedrich August Philipp Freiherr von Dalwigk zu Campf (*31.12.1761 zu Rinteln, †9.2.1825 zu Wiesbaden), ∞I. mit Louise Wilhelmine, geb. von und zu Löwenstein (*1769, †29.4.1803), II. mit Louise Raiz v. Frenz zu Schlenderhan (†9.7.1811), stiftete den ihm verehrten Ehrenpokal der Patronatskirche Hoof. Er war Großherzoglich-Nassauischer Wirklicher Geheimer Rat, Oberappellationsgerichtspräsident, Träger hoher preußischer, Großherzoglich hessischer und Niederländischer Orden (S. 268f., 35, Ib, Kelch (Ehrenpokal) und S. 351, 35, Ib, Kelch, in: Neuhaus, Patronatssilber Hessens.

24. S. 306, 44, I Brotteller, in: Neuhaus, Patronatssilber Hessens.

25. Bauer hebt hervor, dass es ein Meister IMS, mit bisher nicht eindeutig geklärter Identität ist, von dem eine ganze Reihe von Thora-Schilden und Bucheinbänden erhalten hat, aber auch monumentale Tempelleuchter (S. 104, in: Bauer, Frankfurt a. M.,1992).

Scheffler weist die Marke IMS aus stilistischen Gründen Johann Michael Schüller zu (Scheffler, Hessen, Frankfurt, 312), während Guido Schönberger sie Johann Matthias Sandrart zuschreibt (Der Frankfurter Goldschmied Johann Martin Sandrart 1683-1750, in: Schriften des Historischen Museums Frankfurt, XII, 1966, S. 143-70).

26. Siehe dazu Anm. 24.

 

Die Goldschmiede von Frankfurt - Lebensdaten und Werke
Tabelle mit den Lebensdaten der Goldschmiede Frankfurts, von denen Werke existieren, mit der Abbildung ihrer bekannten Werke.
BZ, FZ u. Tabelle Frankfurt mit Lit.-Ver[...]
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