Vorwort
Um es vorweg zu nehmen, der Ausstellungskatalog von 1998 zu Kasseler Silber ist nach wie vor „das“ Standartwerk bei der grundsätzlichen Beschäftigung mit den Arbeiten der Goldschmiede Kassels.1 Doch nachdem die Ausstellungsserie Kasseler Silber in Kassel, Bielefeld und Hanau 1999 zu Ende gegangen war, hatte der Autor wenig Zweifel, dass eine wesentliche Erweiterung des Bestandes an profanem Silber, vor allem für das 17. und die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht mehr zu erwarten war. Hessen-Kassel hatte für diese Zeit keine eigenen Silbervorkommen. Kam ein neuer Modetrend innerhalb des Barock auf oder fand gar ein Stilwechsel statt, brachten Adel und Patrizier ihre Trinkgefäße Humpen, Pokale und Becher, aber auch Kannen und Teller zu den in Kassel gerade tätigen Goldschmieden, ließen sie einschmelzen und sich Gegenstände nach neuester Mode anfertigen. Warum keine besonderen Mengen silbernen Tafelgeräts aus Kasseler Produktion aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehr auftauchen konnten, hatte seine Begründung im Siebenjährigen Krieg (1736-1763). „Durch einen Subsidienvertrag mit England an der Seite Preußens, musste die Hauptstadt des Landes während des Krieges nicht nur eine viermalige Besetzung durch die gegnerischen Franzosen überstehen. Es wurden den Bürgern Kontributionen in Naturalien und Geld in einer Höhe auferlegt, die selbst durch Erpressungen des französischen Armee-Intendanten nicht aufzubringen waren. Daher mussten in der Woche zum 20. August 1758 alle Einwohner Kassels ihre silbernen Gefäße und Gerätschaften auf Anordnung des Hohen Rates in die Münze zum Schmelzen einliefern.“2 So überlebte im wesentlichen nur Kasseler Silber, das sich außerhalb des Landes befand und wenn Einwohner der Stadt den Mut aufbrachten, wenigstens kleinere Gegenstände trotz Denunziantentums zu verstecken.
Deshalb blieb allein vielversprechend, über das Kirchensilber Hessen-Kassels zu versuchen, weitere Arbeiten Kasseler Goldschmiede nachzuweisen, von denen profane Arbeiten bisher nicht bekannt waren. Einige vorzügliche Arbeiten des 17. Jahrhunderts, aber längst nicht alle, vornehmlich aus Kirchengemeinden der Stadt, waren bekannt und auch in der Ausstellung seinerzeit präsentiert worden. Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck hatte in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Inventarisierung allen beweglichen Kunstguts in ihren Gemeinden veranlasst und die bebilderten Mappen im Landeskirchlichen Archiv Kassel zusammengeführt. Bei ihrer Durchsicht konnte übersichtsweise geklärt werden, bei welchem Kirchensilber es sich um Werke aus Kasseler Werkstätten handeln könnte. Als Digitalisate zur Verfügung gestellt, konnte mit ihnen geplant werden, wie die in Frage kommenden silbernen Geräte aus benachbarten Gemeinden nach Rücksprache an einem Ort zusammen aufgenommen und fotografiert werden konnten. Mit Unterstützung durch den Landesbischof konnte auf ca. 52 Tagesreisen das Kirchensilber aus mehr als 300 Gemeinden bearbeitet werden.3
Waren es im Katalog Kasseler Silber im ganzen 17. und 18. Jahrhundert ca. 26 Nummern mit Kirchengeräten, davon wohl die Hälfte in Zweier- oder Dreier-Kombination, etwa drei Kannen oder Kelch mit Patene, die zur Abbildung kamen, sind es jetzt im Folgenden bei gleicher Zählweise ca. 115 Kannen, Kelche, Patenen Oblatendosen und Taufgarnituren. Dabei wurde nicht berücksichtigt, dass von den fähigsten Kasseler Goldschmieden dieser Zeit mindestens drei bis sechs oder mehr gleiche Kelchversionen unterschiedlicher Größe und damit unterschiedlichen Gewichts existieren und miterfasst wurden.
Einmal mehr bewies sich auch hier die für das historische Silber bewahrende Kraft der Evangelischen Kirche. Blieben die Geräte intakt, gab und gibt es bis heute nicht den geringsten Grund, sie durch im Stil modernere zu ersetzen. Hinzu kam das für die Evang. Kirche von Kurhessen-Waldeck wohl besondere Phänomen, dass, hatte sich die Zahl der Gemeindemitglieder bemerkenswert vergrößert, nicht etwa vorhandenes Gerät für ein Größeres eingeschmolzen wurde, sondern der bestehenden Kanne oder dem Kelch eine zweite und wenn nötig zu späterer Zeit auch eine dritte Kanne oder ein weiterer Kelch zugearbeitet wurden, im Stil so nahe wie möglich an die bestehenden Geräte angenähert, ja fast kopiert. Dieses Vorgehen hatte dann im 19. Jahrhundert den Vorzug, dass über diesen Weg wenigstens die handwerkliche Qualität der Goldschmiede der Zeit beurteilt werden kann. Denn während bei Neubestellungen zunächst geprägte Fertigteile, wie bei profanem Silber auch, bei der Herstellung der Geräte miteingefügt wurden, bezogen spätestens ab Mitte des Jahrhunderts die Goldschmiede Kassels ganze Geräteteile und bald auch ganze Kelche komplett von der Silberwarenindustrie. Erhielten sie aber den Auftrag einen neuen Kelch einem Kelch aus vorreformatorischer Zeit oder aus dem 17. bzw. 18. Jahrhundert in der gleichen Kirchengemeinde nachzuarbeiten, konnten diese Einzelbestellungen nicht von der Industrie, sondern nur in klassischer Handwerkstechnik ausgeführt werden.
Zwei bis dahin nicht bekannte Beschauzeichen, das von 1652 bis ca. 1656 gültige BZ röm. Eins (I) und das BZ 21, Kassel mit R, gültig ca. 1809/10 bis 1816, wurden neu nachgewiesen und die Werke mit ihren Meisterzeichen von 20 bis dahin nur namentlich bekannten Kasseler Goldschmieden. Die Zahl der verschiedenen MZ konnte von ca. 138 auf 189 (+27%) gesteigert werden. Dies aber nur zum Teil über die neu erfassten Kirchengeräte. Denn ab 1775 stiegen die hier im Folgenden auch abgebildeten vielfältigen Aufträge der Kasseler Bürgerschaft, des Adels und des Hofes der Hessischen Landgrafen und Kurfürsten vor allem bei den Hofgoldschmieden so stark an, dass sie zur Punzierung der von ihnen hergestellten Arbeiten mehrere Generationen Meisterzeichen verbrauchten, kleinere Gegenstände mit ihren Initialen, große mit ihrem ausgeschriebenen Nachnamen zeichneten. Hinzu kam, dass während der napoleonischen Herrschaft des Königreichs Westphalen (1807-1813) die Zünfte aufgehoben waren und nach französischen Vorgaben gestempelt werden musste, in der Tat aber das alte und das neue Beschauwesen nebeneinander existierten, ehe es ab 1816 mit der Wiederherstellung der Zünfte mit dem historischen Punzierungssystem weiterging.
Erst mit der Einbeziehung der aus Kasseler Werkstätten stammenden silbernen Kirchengeräte und der leider nur urkundlich nachweisbaren überregionalen Bedeutung, die die Arbeiten der bedeutendsten Goldschmiede Kassels über 60 Jahre im 17. Jahrhundert mit dem von der Stadt Göttingen in Auftrag gegebenen und von ihnen hergestellten Huldigungssilber für ihre Landesfürsten hatten, ist es gerechtfertigt, der nun folgenden Neuauflage den obigenTitel zu geben.
Anmerkungen:
1, Kasseler Silber, AK Staatliche Museen Kassel im Ballhaus am Schloss Wilhelmshöhe, Hg. Reiner Neuhaus u. Ekkehard Schmidberger, Eurasburg 1998. Im ZVAB sind weiterhin Exemplare des AK zu Preisen zwischen Euro 20-25 erhältlich),
2. Brunner 1913, S. 268, Kassel 1998, S. 17.
3. Da der Autor auch alles Kirchensilber mitaufnahm, das nicht in Kassel entstanden war, ergab sich daraus später die allein nur auf diesem Weg mögliche, in Deutschland einmalige Gelegenheit, eine Darstellung der Goldschmiede mit ihren Werken aller kleinen und mittleren Städte des Bundeslandes Hessen zu versuchen und auf der website silber-kunst-hessen.de darzustellen.
Gliederung (Links):
>> Die Kunst der
Kasseler Goldschmiede >>
>> Die Beschauzeichen der Kasseler Goldschmiede
>>
>> Die Meisterzeichen
der Kasseler Goldschmiede >>
>> Die
Feingehaltszeichen der Kasseler Goldschmiede >>
>> Tabelle 1: Das Kasseler Silber des Barock >>
>> Tabelle 2: Das Kasseler Silber des Frühklassizismus (Louis Seize,
Empire) >>
>> Tabelle 3: Das Kasseler Silber des Spätklassizismus und
Stilpluralismus >>
>> Literaturverzeichnis >>