Die Grafen von Ziegenhain errichteten ab 1060 ein Burg, die zu einem Schloss ausgebaut ihnen zugleich Residenz war. In deren Schutz erfolgte die Stadtgründung. 1230 noch Burgsiedlung (urbs) (Klosterarchiv V, S. 950f.), wird Ziegenhain zweifellos 1274 Stadt genannt. Bis zu ihrem Erlöschen 1450 übten die Ziegenhainer Grafen die Stadtherrschaft aus, die danach an die Landgrafen von Hessen überging. Nach dem Ausbau zur Wasserfestung erhielt Ziegenhain zentrale militärische Bedeutung für Hessen und wurde 1607 zu einem der „vier festen Häuser“ der Landgrafschaft

 

Nach der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg (1546–1547) und während der fünfjährigen Gefangenschaft Landgraf Philipps des Großmütigen (1547–1552) erhielt die Festung historische Berühmtheit, weil sie als einzige 1547 aufgrund der Weigerung ihres Kommandanten Heinz von Lüder nicht Kaiser Karl V. übergeben wurde. Sie wurde nie im Dreißigjährigen Krieg erobert, wohl aber 1625 ihre Vorstadt Weichaus, die, von diesem Zeitpunkt an, ebenfalls befestigt, schon vor längerer Zeit gegründet werden musste, weil für die rasch anwachsende Bevölkerung innerhalb der Festungsmauern der Platz nicht mehr ausreichte. Sie übertraf bereits Ende des 16. Jahrhunderts deutlich die Zahl der innerhalb der Festung lebenden Einwohner.

 

Die nunmehr veraltete Festung im Siebenjährigen Krieg mehrfach von den Franzosen besetzt, wurde beim Versuch sie zurückzuerobern von hessischer Artillerie schwer beschädigt. Das hatte durch Abwanderung einen starken Bevölkerungsrückgang zur Folge. Auf Befehl Napoleons schleifte man schließlich 1807 die unzerstört gebliebenen Festungsanlagen.

 

Das ortsansässige Gewerbe lebte vornehmlich von der Versorgung des Schlosses und der Befriedigung der Bedürfnisse der Garnison. Abgesehen davon hatte lediglich eine Tuchmanufaktur ab1698 bis 1761, vornehmlich mit Heereslieferungen, einige Bedeutung. Erst im 20. Jahrhundert kam es zur Ansiedelung kleinerer Industrieanlagen. Ziegenhain, 1970 mit Treysa und anderen Gemeinden zur Großgemeinde Schwalmstadt vereinigt, ist seitdem eines ihrer Stadtteile.1, 2

 

Bereits 1261wird in Ziegenhain das Haus eines Goldschmieds erwähnt.3 Sein Bewohner dürfte wohl fast ausschließlich Silberarbeiten für die Residenz der Ziegenhainer Grafen hergestellt haben. Spätestens als diese 1450 ausgestorben waren, gab es in dem kleinen Städtchen für einen Goldschmied kein Auskommen mehr, denn die Landgrafen von Hessen, ihre Nachfolger, hielten sich nie länger in dem Ziegenhainer Schloss auf.

 

Den Dreißigjährigen Krieg jedoch hatte die wichtigste Festung der Landgrafschaft unbeschadet überstanden, wenn auch ihr Vorort Weichaus gebrandschatzt worden war. Es gab nun eine große Garnison. Der 1654 in Ziegenhain geborene Johann Christoph Wolff ließ sich zum Goldschmied ausbilden. Wo er gelernt hat, ist nicht bekannt.4 Die Auftragslage war nun gut, denn es galt, die durch Plünderung und Raub in Ziegenhain und in den Patronatskirchen der Umgebung verloren gegangenen Abendmahlsgeräte in den Zeiten langsamer Erholung nach und nach zu ersetzen. Natürlich auch das profane Tischgerät für die Offiziere der Garnison und den landsässigen Adel, von dem sich jedoch, weil immer wieder neuester Mode folgend, eingeschmolzen und ersetzt, bis heute nichts erhalten zu haben scheint.

Der offensichtlich sehr tüchtige Meister zeigt mit seiner großen Abendmahlskanne, die er 1688 für die die Festungskirche Ziegenhains nach dem Vorbild zweier vorangehender Kannen anfertigt und zum Dreiersatz komplettiert, auf der Höhe der Zeit (siehe nachfolgende Abb.).5

Sein besonderes Können bewies Wolff aber beim Schneiden seiner zwei bekannten, meisterhaft ausgeführten Beschauzeichen von Ziegenhain. Der rennende Hahn mit Ziegenkopf und dem sechsstrahligen Stern der Ziegenhainer Grafen ist mit Sicherheit eines der kompliziertesten Beschauzeichen Deutschlands. Es lenkte erst den Blick, sich überhaupt mit den Goldschmieden des Ortes zu befassen.

 

Die von seiner Hand erhaltenen drei Kelche, zwei von ihnen begleiten die zugehörigen Patenen / Teller, sind wohl alle nach 1700 entstanden. Sie orientieren sich vor allem in der Form des Schaftes mit Nodus am ehesten an Frankfurter Arbeiten.6

 

Als er – für die Zeit hochbetagt – mit 68 Jahren 1723 starb, führte niemand seine Werkstatt weiter. Auch nicht sein Sohn Johann Lorentz, den er von 1723 - 1729 zu dem Kasseler Meister Johann Christoph Homagius7 in die Lehre gegeben hatte.8

 

Da sich die Auftragslage deutlich verschlechtert hatte, schließlich waren inzwischen alle Kriegsverluste längst ausgeglichen, konnte ein Goldschmied allein von den Aufträgen der Stadtbevölkerung und der Garnison nicht leben. Die ausführliche Aufzählung der Handwerker und Gewerbetreibenden Ziegenhains der Jahre 1739/40 weiß jedenfalls von keinem Goldschmied.9 Hinzu kam, dass es nach der Beschießung durch hessische Artillerie 1761 zu starker Verringerung der Bevölkerung durch Abwanderung gekommen war (siehe auch oben).10

 

Die beiden später schließlich doch in der Festungsstadt zugezogenen Goldschmiede mussten einem Zweitberuf nachgehen. Johann Michael Pletong ist „Musquetier“, also als Soldat nach Ziegenhain gelangt,11 der mit 35 Jahren 1791 verstorbene Johann Andreas Siegfried(t) war zugleich Uhrmacher. Aus der Werkstadt des letzteren scheint sich eine Oblatendose erhalten zu haben, eigentlich eine profane Puder- oder Zuckerdose, die sich allein durch die Widmung auf dem Deckel als Kirchengerät zu erkennen gibt.12

 

Anmerkungen

1. „Ziegenhain, Schwalm-Eder-Kreis“, in: Historisches Ortslexikon <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/4815> (Stand: 30.11.2016).

2. https://de.wikipedia.org/wiki/Wasserfestung_Ziegenhain.

3. Wie Anm. 1, a. g. O.

4. Mit Sicherheit nicht in Kassel, denn auf der Liste der Lehrjungen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts taucht sein Name nicht auf.

5. Schließlich hat die größere von beiden der Kasseler Hofgoldschmied Christoff Bucher(t) (Kassel 1998, Meisterliste Nr. 35) 1652 angefertigt.

6. Vergl. Neuhaus, Patronatssilber, 26,Ie und g.

7. Kassel 1998, Meisterliste Nr. 78.

8. Er ließ sich in Marburg als Goldschmied nieder, nachdem er die Witwe des Marburger Goldschmieds Johann Christoph Held 1739 geheiratet hatte (Scheffler, Hessen, Marburg, 51).

9. Wie Anm. 1, a. g. O.

10.Wasserfestung Ziegenhain.

11. Da auch sein Todesdatum nicht bekannt ist, könnte er zu den 12000 von Landgraf Friedrich II. gegen Subsidien an England vermieteten hessischen Soldaten gehört haben. Ziegenhain war nämlich Sammelplatz der Angeworbenen (und Gepressten), die in Amerika im Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) für die Kolonialmacht kämpfen sollten (Wasserfestung Ziegenhain).

12. Auch wenn die Datierung von 1767 mit den Lebensdaten des Goldschmieds nicht vereinbar zu sein scheint.

 

 

 

 

 

 

Beschauzeichen von Ziegenhain

Die Goldschmiede von Ziegenhain - Lebensdaten und Werke
Tabelle mit den vollständigen Lebensdaten aller Ziegenhainer Goldschmiede, einschließlich der Abbildung ihrer bekannten Werke.
Tabelle Ziegenhain mit Lit.-Verzeichnis.[...]
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© Dr. Dr. Reiner Neuhaus